Als die Inflation in Deutschland und Europa 2022/2023 in Bereiche stieg, die Jahrzehnte nicht gesehen worden waren, wurden zunächst Preisschilder registriert. Dann änderte sich das Verhalten. Und schließlich – was weniger berichtet wurde – änderte sich die Psyche.

Inflation und mentale Buchhaltung

Menschen sind schlechte Wirtschaftswissenschaftler, wenn es um die eigene Geldbörse geht. Das zeigt die Verhaltensökonomie seit Jahrzehnten. Daniel Kahneman und Richard Thaler haben beschrieben, wie wir Geld in mentale Konten einteilen: Geld für Lebensmittel, Geld für Urlaub, Geld für Extras. Inflation stört diese mentale Buchhaltung fundamental – das Geld im „Lebensmittel-Konto" reicht plötzlich nicht mehr, obwohl man keine Änderung am Kaufverhalten vorgenommen hat.

Die psychologische Last des Abwägens

Wer früher automatisch kaufte, was er brauchte, muss nun abwägen. Markenbutter oder Eigenmarke? Fleisch oder vegetarisch sparen? Reparieren oder neu kaufen? Diese Entscheidungsmomente erzeugen kognitive Last. Entscheidungsforschung zeigt, dass viele erzwungene Entscheidungen täglich die Entscheidungsqualität insgesamt verschlechtern – ein Phänomen, das als „Entscheidungsermüdung" bekannt ist.

Ungleiche Betroffenheit

Inflation trifft nicht alle gleich. Menschen mit niedrigem Einkommen geben einen größeren Anteil ihres Budgets für Grundbedürfnisse aus – Lebensmittel, Energie, Wohnen. Wenn genau diese Bereiche die höchste Inflation zeigen, verschlechtert sich die wirtschaftliche Lage unterer Einkommensgruppen überproportional. Gleichzeitig können Menschen mit Immobilien oder Aktien die Inflation teilweise abfedern – Ungleichheit wächst.

Inflationsangst: Ein eigenes Phänomen

Neben der materiellen Belastung gibt es eine psychologische Inflation-Komponente. Inflationserwartungen können selbsterfüllend wirken: Wenn Menschen höhere Preise in der Zukunft erwarten, kaufen sie jetzt mehr – was die Nachfrage erhöht und tatsächlich zu Preissteigerungen beiträgt. Das ist eine der Gründe, warum Zentralbanken nicht nur auf reale Inflationszahlen schauen, sondern auch auf Inflationserwartungen.

Was man tun kann

Auf individueller Ebene ist der wichtigste Schutz vor Inflation Vermögensaufbau in realwertigen Anlagen (Aktien, Immobilien, Rohstoffe). Sparbücher und Tagesgeldkonten verlieren bei Inflation real an Wert. Das ist keine neue Erkenntnis – aber sie wird von vielen Deutschen noch immer nicht in Handlung übersetzt.

Realitätscheck: Die Inflationsrate, die offiziell gemessen wird, stimmt häufig nicht mit der individuell erlebten Inflation überein. Das liegt daran, dass die Zusammensetzung des Warenkorbs von Haushalt zu Haushalt verschieden ist. Wer viel Auto fährt und viel Fleisch isst, hat in bestimmten Perioden höhere Inflation erlebt als jemand, der vegan lebt und den ÖPNV nutzt.