„Self-Care" hat ein Marketingproblem. Der Begriff wird mit Schokolade, Blasenbädern und teurem Gesichtswasser assoziiert. Er wird als Luxus vermarktet, als egoistisches Verwöhnen, als etwas, das man sich gelegentlich gönnen darf – wenn man sonst fleißig war. Das ist eine fundamentale Verzerrung des Konzepts.

Wo der Begriff herkommt

Selbstfürsorge ist ursprünglich ein Begriff aus der Pflege und Psychiatrie. Es meint die Fähigkeit, für sich selbst zu sorgen – körperlich und emotional. Pflegebedürftige, die die Selbstfürsorge verloren haben, benötigen professionelle Unterstützung. Für alle anderen gilt: Selbstfürsorge ist keine Option, sondern Grundlage der Funktionsfähigkeit.

Die politische Aktivistin Audre Lorde prägte den Begriff in einem anderen Kontext: für Schwarze Frauen, die in einer Gesellschaft, die sie systematisch auslaugt, auf die eigene Erhaltung achten müssen. „Selbstfürsorge ist kein Selbstmitleid. Es ist Selbsterhaltung – und das ist ein politischer Kriegsakt."

Was Selbstfürsorge tatsächlich bedeutet

Echte Selbstfürsorge ist oft unattraktiv. Sie bedeutet:

  • Ausreichend schlafen, auch wenn das heißt, abends früher vom Handy zu lassen
  • Nein sagen zu Verpflichtungen, die die eigene Kapazität überschreiten
  • Arzttermine nicht hinauszögern, weil man „keine Zeit" hat
  • Regelmäßig essen – auch wenn man im Stress ist
  • Auf Emotionen hören, bevor sie zur Krise werden
  • Grenzen in Beziehungen setzen, die einen dauerhaft erschöpfen

Das ist weniger instagrammable als ein Kerzenbad. Und es ist erheblich wirksamer.

Selbstfürsorge und Schuld

Für viele Menschen – besonders Frauen und Menschen in Fürsorgeberufen – ist Selbstfürsorge mit Schuldgefühlen verbunden. Die Zeit, die man für sich nimmt, fühlt sich an als Zeit, die man anderen wegnimmt. Dieses Muster ist verbreitet, und es ist gefährlich: Wer sich dauerhaft selbst vernachlässigt, wird früher oder später nicht mehr in der Lage sein, für andere da zu sein.

Die Flugzeug-Analogie ist abgenutzt, aber präzise: Bei Druckabfall zuerst eigene Maske anlegen, dann anderen helfen. Wer ohnmächtig ist, kann niemanden retten.

Einstieg: Fragen Sie sich: Was brauche ich täglich, um mich gut zu fühlen? Was brauche ich wöchentlich? Was monatlich? Die Antworten auf diese Fragen – und die konsequente Umsetzung auch kleiner Dinge – sind mehr wert als ein gelegentlicher Wellness-Tag.