Positives Denken ist eine Milliarden-Industrie. Ratgeber, Kurse, Apps – die Verheißung ist immer ähnlich: Wer die Gedanken kontrolliert, kontrolliert das Leben. Wer optimistisch denkt, zieht Gutes an. Das ist verlockend. Und in dieser Form falsch.
Was Optimismus tatsächlich ist
Psychologische Forschung unterscheidet zwischen verschiedenen Formen des Optimismus. Martin Seligman, einer der Begründer der Positiven Psychologie, hat „erlernten Optimismus" als die Überzeugung beschrieben, dass schlechte Ereignisse vorübergehend und nicht auf alle Lebensbereiche ausgedehnt sind. Das ist empirisch belegbar wirksam: Dieser Optimismus korreliert mit besserer Gesundheit, höherer Resilienz und mehr Ausdauer.
Das ist etwas anderes als naive Positivity – die Überzeugung, dass alles gut wird, wenn man es nur stark genug glaubt.
Das Problem mit „Toxic Positivity"
„Toxic Positivity" bezeichnet die Tendenz, negative Gefühle zu unterdrücken oder abzutun – sei es in der eigenen Person oder bei anderen. „Sieh das positiv!", „Immer noch schlimmer!", „Du hast doch alles!" – solche Reaktionen auf echten Schmerz invalidieren Erfahrungen und verhindern Verarbeitung.
Forschung zeigt: Emotionsunterdrückung – also das aktive Unterdrücken von Gefühlen – verschlechtert langfristig das Wohlbefinden, erhöht Stresshormone und verschlechtert soziale Beziehungen. Wer sich selbst zwingt, immer positiv zu sein, zahlt einen Preis.
Was Psychologie stattdessen empfiehlt: Akzeptanz und Handlung
Die wirksamste Kombination, die Forschung zeigt, ist Akzeptanz und Handlungsorientierung. Gefühle wahrnehmen und anerkennen – auch negative – und gleichzeitig fragen: Was kann ich tun? Das ist das Kernprinzip von Acceptance and Commitment Therapy (ACT), einem der am besten belegten psychotherapeutischen Ansätze der letzten Jahre.
Realistischer Optimismus – also die Überzeugung, dass eigene Handlungen Wirkung haben – ist ein Schutzfaktor. Blinder Optimismus – die Überzeugung, dass alles gut wird ohne eigenes Zutun – ist es nicht.