Die IGLU-Studie 2021 war ein Schock: Fast ein Viertel aller deutschen Viertklässler kann nicht ausreichend lesen – also nicht gut genug, um Texte sinnverstehend zu lesen und dabei neue Informationen zu entnehmen. Das ist ein messbarer Rückgang gegenüber früheren Erhebungen. Und es ist kein Problem, das Deutschland allein hat: Ähnliche Trends zeigen sich in vielen entwickelten Ländern.

Was gutes Lesen eigentlich ist

Lesen ist nicht einfach das Dekodieren von Buchstaben. Es umfasst mehrere komplexe Fähigkeiten: Phonologisches Bewusstsein (Lautstruktur von Wörtern erkennen), Wortschatz, Hintergrundwissen, Arbeitsgedächtnis und die Fähigkeit, Texte zu verstehen, zu interpretieren und zu bewerten. Alle diese Fähigkeiten müssen zusammenspielen, damit Lesen reibungslos funktioniert.

Mögliche Ursachen des Rückgangs

Bildungsforscher diskutieren mehrere Erklärungen, die wahrscheinlich zusammenwirken:

  • Weniger Vorlesen: Vorgelesen zu werden ist für kleine Kinder einer der wichtigsten Wortschatztreiber. Studien zeigen, dass Eltern weniger vorlesen als frühere Generationen.
  • Konkurrierende Medien: Digitale Unterhaltung konkurriert mit Lesen um Freizeit – und bietet bei deutlich geringerem Aufwand schnelle Belohnung.
  • Verändertes Leseverhalten durch digitale Medien: Das sogenannte „F-Pattern"-Lesen – oberflächliches Überfliegen von Texten, wie man es von Websites kennt – prägt zunehmend auch das Lesen von Büchern.
  • Herkunftseffekte: Ein wachsender Anteil von Kindern mit bildungsfernem oder mehrsprachigem Hintergrund, dem das Bildungssystem nicht gut genug begegnet.

Was hilft – für Eltern

Der wirkungsvollste Einfluss auf Lesekompetenz liegt in den ersten Lebensjahren: tägliches Vorlesen, Gespräche über Bücher, Bücher als selbstverständliche Objekte im Alltag. Kinder, denen viel vorgelesen wurde, haben beim Schuleinstieg einen messbaren Wortschatz- und Lesekompetenzvorsprung.

Ab dem Lesebeginn helfen Bücher, die das Kind selbst wählt – auch wenn das Eltern inhaltlich nicht immer begeistert. Lesemotivation ist wichtiger als Textqualität: Ein Kind, das leidenschaftlich Comics liest, liest besser als eines, das lustlos Pflichtlektüre durcharbeitet.

Was die Schule tun kann

Leseförderung in der Schule funktioniert am besten, wenn sie Zeit für stilles, selbstgewähltes Lesen bietet – und nicht nur analysierendes Lesen von Texten, die niemand ausgesucht hat. Schulbibliotheken, Lesementor-Programme und Paarleseprojekte zeigen in Studien positive Effekte.

Tipp: Die Initiative „Vorlesen" des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels bietet kostenlose Materialien und einen jährlichen Vorlesetag. Lesen.Bayern und ähnliche Initiativen bieten Schulen Unterstützung bei der Leseförderung.