Der Begriff „Präsentismus" klingt nach Gegenteil von Absentismus – und das ist er auch. Präsentismus bedeutet: körperlich anwesend, mental eingeschränkt. Wer mit Grippe, Rückenschmerzen oder psychischer Erschöpfung zur Arbeit erscheint und durcharbeitet, zählt statistisch nicht als krank. Und doch kostet er Unternehmen Milliarden.
Was die Zahlen sagen
Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsmedizin schätzt, dass Präsentismus deutschen Unternehmen jährlich über 30 Milliarden Euro kostet – durch verminderte Produktivität, mehr Fehler und verlängerte Krankheitsdauer. Das übersteigt die Kosten durch Absentismus erheblich. Dennoch wird Präsentismus in der öffentlichen Debatte kaum thematisiert.
Warum Menschen krank zur Arbeit gehen
Die Gründe sind vielfältig und kulturell tief verwurzelt:
- Angst um den Arbeitsplatz: In wirtschaftlich unsicheren Zeiten fürchten viele, als ersatzbar zu gelten.
- Schuld- und Pflichtgefühl: Kollegen im Stich lassen, Deadlines gefährden, den Chef enttäuschen – diese Ängste treiben viele ins Büro.
- Kulturelle Normen: In Deutschland gilt Anwesenheit oft als Zeichen von Leistungswillen. Kranksein dagegen hat einen schwachen Beigeschmack von Schwäche.
- Kontrolle über Arbeit: Homeoffice hat das Problem paradoxerweise verschärft: Wer von zuhause arbeitet, fühlt sich auch bei leichter Erkrankung verpflichtet, „online" zu bleiben.
Die medizinischen Konsequenzen
Wer krank arbeitet, verlängert seine Krankheitsdauer. Das Immunsystem benötigt Energie für die Bekämpfung von Erregern – wer diese Energie in Arbeit steckt, bleibt länger krank. Bei infektiösen Erkrankungen steckt man außerdem Kollegen an. Bei psychischen Erkrankungen ist das Risiko besonders hoch: Wer bei beginnender Depression weiterarbeitet statt sich zu schonen, beschleunigt die Verschlechterung.
Was Unternehmen und Einzelne tun können
Auf der Unternehmensseite ist Führungsverhalten entscheidend: Vorgesetzte, die selbst krank erscheinen und das als Tugend vorleben, schaffen eine Kultur, in der niemand zu Hause bleiben kann. Explizite Signale – „Bleib bitte zuhause, wenn du krank bist" – senken Präsentismus messbar.
Für Einzelpersonen gilt: Krank sein ist kein moralisches Versagen. Wer zwei Tage Bettruhe braucht und diese bekommt, ist nach fünf Tagen wieder produktiv. Wer drei Tage kämpft und weiterarbeitet, ist nach zwei Wochen noch nicht fit.
„Ein Unternehmen, das von kranken Mitarbeitern erwartet, dass sie kommen, zahlt den Preis zweimal: in schlechter Arbeit und in Folgekosten." – Hannes Zacher, Arbeitspsychologe